Mehringen entdeckt Ahlfeld neu
ASCHERSLEBEN/MZ. Mit den Eingemeindungen ehemals eigenständiger Gemeinden in die Stadt Aschersleben, ist nicht nur die Zahl der Einwohner und die reine Grundfläche gewachsen, sondern auch die Geschichte umfangreicher und noch interessanter geworden. Hat die Ascherslebener Kernstadt in den vergangenen Jahren beispielsweise den Namen des hier geborenen Universalgelehrten Adam Olearius zu neuem Leben erweckt, ist man jetzt im Stadtteil Mehringen drauf und dran, den Theologen, Autor, Dichter und Kanzelredner an der Nicolai-Kirche in Leipzig, Johann Friedrich Ahlfeld (1810 - 1884) ins Bewusstsein der Bürgerschaft zurück zu holen.
Anlässlich des 200. Geburtstags des gebürtigen Mehringers, der am 1. November 1810 in der Angerstraße 5 das Licht der Welt erblickte, wird einen Tag vorher zu einem Festgottesdienst in die Mehringer St.- Stephani-Kirche eingeladen. Unter anderem soll dann auch eine kleine Ausstellung gezeigt werden.
Das Leben des Mehringers Johann Friedrich Ahlfeld verlief für seine Zeit wohl eher ungewöhnlich. War er doch der Sohn eines Zimmermanns und Tagelöhners - und eines von fünf Kindern der Familie - , der sich gelegentlich auch mit Hausschlachtungen finanziell über Wasser hielt. Da war der Vater eher wenig an einer Bildungskarriere seines Sohns interessiert. Den hätte er nämlich besser in der winzigen Landwirtschaft, die die Familie Ahlfeld in Mehringen ebenfalls betrieb, gebrauchen können. Und tatsächlich brauchten Dorfschullehrer Herrmann, der übrigens der Onkel des kleinen Johann Friedrich war, und Ortspfarrer Bobbe einige Überredungskunst, um Vater Ahlfeld zu bewegen, seinen Sohn nach Aschersleben zu schicken. Dort besuchte der talentierte Johann Friedrich schließlich das Gymnasium. Der mühsame Schulweg wurde dem Jungen erleichtert, als er schließlich eine Unterkunft bei einer Ascherslebener Familie fand und er nicht mehr täglich von Mehringen nach Aschersleben und zurück zu Fuß gehen musste.
Wenn heute sogenannte Schulbezirke regeln, in welcher Schule ein Kind lernen soll, so gab es Anfang des 19. Jahrhunderts Ähnliches. Weil Mehringen seinerzeit in Anhalt lag, Aschersleben aber preußisch war, musste Johann Friedrich Ahlfeld mit 16 Jahren das Gymnasium wechseln. In Dessau war er schließlich auf sich allein gestellt. Neben Schmalhans war auch der Hunger ständiger Begleiter. Besserung folgte, als der Mehringer durch seine guten Leistungen auffiel und ihm das Schulgeld erlassen wurde. Außerdem erwirkte der Mehringer Ortspfarrer, der den Jungen im Auge behielt, einige sogenannte Freitische für den Gymnasiasten.
Im Jahr 1830 begann Johann Friedrich Ahlfeld sein Studium der Theologie an der Universität in Halle. Er wurde Mitglied einer damals als fortschrittlich geltenden Burschenschaft und promovierte schließlich zum Doktor der Theologie. Weitere Stationen folgten, bevor er 1851 Pastor an der Kirche St. Nicolai in Leipzig wurde. Dort verbrachte der Mehringer die nächsten 30 Jahre seine Berufslebens. In dieser Zeit entstanden mehrere gedruckte Werke von ihm. Darunter ein Kirchenjahrbuch in Predigten, Predigtsammlungen und die "Erzählungen für das Volk". Außerdem war er federführend am Entwurf des sächsischen Landesgesangsbuches beteiligt, welches 1880, zwei Jahre bevor Ahlfeld in den Ruhestand ging, verlegt wurde.
Dass der Mehringer Johann Friedrich Ahlfeld auch nach seinem Tod am 4. März 1884 Spuren hinterlassen hat, beweist die Tatsache, dass die Leipziger im Jahr 1901 im damals neu angelegten Stadtteil Lindenau eine Straße nach ihm benannten. Und noch heute findet sich eine Büste des Pastors aus Mehringen in der Nicolai Kirche.
Mitteldeutsche Zeitung VON HARALD VOPEL, 22.10.10